Come, Wonder, Enjoy!

Die ersten Wochen sind natürlich immer die Härtesten, egal wohin man umzieht. Man mag sich schnell anpassen und den englischen Lebensstil genießen lernen, doch jeder der bereits längere Zeit in diesem Land gelebt hat wird mir in einem Punkt zustimmen: die eigenwillige Kultur der Engländer sorgt zuverlässig dafür, dass man sich auch nach einem Jahr noch regelmäßig über Dinge wundert - obwohl man meint, Land und Leute mittlerweile vollständig zu kennen.
Die sprichwörtliche Deutsche Gründlichkeit ist zwar bekannt, doch nicht umsonst gibt es keine Englische Gründlichkeit. Der Dschungel der Bürokratie dagegen steht dem Unseren in nichts nach, ist aber deutlich weniger funktionell und manchmal noch haarsträubender.

Grundsätzlich ist wohl die wichtigste Voraussetzung für ein glückliches Ein- und Überleben in England, dass man die Gelassenheit und Geduld der Briten, annimmt. Sachen akkurat, zuverlässig und schnell zu erledigen gehört nunmal nicht zur Kultur, das muss man akzeptieren.

Meine Theorie ist, dass die allgegenwärtige Freundlichkeit, oft eher schon Kameradschaftlichkeit, mit der die Briten einander begegnen, sich über die Zeit als überlebenswichtiges Sozialverhalten entwickelt hat. Sie verbessert die allgemeine und die individuelle Grundstimmung, erzeugt eine gewisse Gemütlichkeit, die es überflüssig erscheinen lässt sich über Kleinigkeiten aufzuregen und ständig Dinge verbessern zu wollen. Ohne dieses typisch englische Verhalten gäbe es nämlich kein natürliches Mittel zur Verhinderung eines offenen Krieges zwischen Bürgern, Dienstleistern und Ämtern. Diese Stimmung der Freundlichkeit betäubt so manchen Frust und schafft die Grundvoraussetzung dafür, nach Feierabend am Tresen mit einem Kumpel oder einem beliebigen Fremden über alles was schief läuft im Land zu diskutieren - oder einfach nur über Fußball. Im Pub ist die Welt nämlich in Ordnung - immer. Und für den Fall dass draußen wirklich einmal komplett Land unter ist, sind Pubs ja jetzt extra länger geöffnet als früher, so dass es wirklich keine Ausrede gibt, aus diesem Zufluchtsort nicht als glücklicher Mensch herauszukrabbeln.

Das klingt etwas beängstigend? 'Tschuldigung, sollte es nicht und ist es auch nicht. England ist schön. Wahnsinnig schön. Ein guter Kumpel, der sofort Freundschaft mit einem schließt und einem ein Pint bezahlt so lange man mitlacht, wenn er sich zum Einstand ein bisschen über "the war" und "the Führer" und die Deutschen im Allgemeinen lustig macht. Ein Kumpel, der einfach nur ein gewisses Maß Anpassungsfähigkeit und Flexibilität verlangt und dafür eine Menge Schönes parat hält: urige Städte, gemütliche Pubs, lecker Bier, viel Freundlichkeit, endlose single-track roads durch wildromantische Landschaften, nette Leute, Lebensfreude und mindestens 476 weitere Gründe dort zu leben. England ist ein Kumpel, dem man seine vielen kleinen Macken und die gelegentlichen neurotischen Anfälle immer wieder gerne verzeiht, weil es so schön ist in seiner Gesellschaft und man weiß dass man die vielen guten Zeiten zu sehr vermissen würde.

Cheers Mate!


P.S.: Interessant nicht nur für Wahl-Londoner ist auch londonleben.co.uk. Hier wird Großbritannien auf sehr Unterhaltsame Art und Weise unter die Lupe genommen.