Ich und England


Spätsommer 2003 war die Zeit gekommen etwas Neues zu probieren. Ich war 24 und bis dahin war ich nie länger als ein paar Wochen im Ausland gewesen und in England lediglich für einen mehrtägigen Schüleraustausch. Das war damals in Southampton glaube ich. War auch sehr schön da. Küste ist immer schön.
Diesmal hieß das Ziel Lincoln, der Zeitrahmen betrug ein knappes Jahr und ich würde sogar meinen BA Advertising & Marketing in diesem Land absolvieren müssen. Also, das war im Prinzip DER Grund warum ich überhaupt übergesiedelt bin damals. Nicht das Land England war der Grund für diese Entscheidung, sondern die Tatsache dass die Partner-Uni dort war. So zog ich in eine 5er-WG mit 4 anderen deutschen Studienkollegen nach Lincoln, gelegen in den East Midlands.

Um eines gleich mal vorweg zu nehmen, es war eines der besten Jahre in meinem Leben. Rückblickend muss ich aber sagen: wenn jemandem wirklich daran gelegen ist Land und Leute kennen zu lernen und zu verstehen, dann sollte man nicht mit Deutschen zusammen wohnen - sondern mit Engländern. Dazu später mehr.

Ich habe damals England lieben gelernt wegen seiner Freundlichkeit, Gemütlichkeit, Urigkeit. Wegen den Landschaften, dem Städtebild, den Pubs, dem englischen Fernsehen und einfach weil es nie langweilig wurde - egal ob man die Insel per Auto erkundet hat oder einfach nur ins Pub gegangen ist. Ach ja, die Pubs... so schön dort und ÜBERALL gibt es Guinness!

Ich liebe Guinness. Sehr. Ich sammle daher auch Guinness. Nein, nicht (nur) in meinem Bauch, sondern in Form von Gimmicks. Die traditionellen englischen Bitters und Ales mochte ich damals noch nicht. Wie ich heute weiß braucht es dafür einfach nur eine längere Gewöhnungszeit.
Aber das war damals sozusagen England aus nachbarschaftlicher Distanz. Ich SAH Land und Leute, aber ich LEBTE nicht mit Ihnen. Dem Spaß stand das jedoch nicht im Wege und außerdem war es auch interessant zu sehen wie die Anderen England aufnahmen. Den einen gefiel es ebenso gut wie mir (manche sind sogar gleich ganz dort geblieben - die Liebe, ein Job, was es so an Gründen gibt...), Andere wiederum waren froh nach dem einen Jahr wieder abhauen zu können.

Ich selbst bin damals nach dem Abschluss auch wieder nach Deutschland zurück gegangen um ein Praktikum in Hamburg anzutreten. Als Tourbooking Assistent bei einer kleinen Konzertagentur. Aus Musikbranche wurde dann später Werbebranche und dieses Werbepraktikum wiederum bescherte mir den Kontakt, der mich dann auch für ein einjähriges Praktikum auf die Insel zurück brachte.

Es war also Dezember 2005, als es mich wieder über den Kanal zog, zu einer diesmal vollkommen englischen England-Erfahrung: Wohnen mit den Briten, Leben mit den Briten, Trinken mit den Briten und arbeiten mit wenigstens Einigen von ihnen. Ich wechselte für ein Jahr von Agentur- auf Kundenseite, also ins Marketing. Dazu zog ich ins County Buckinghamshire, nach High Wycombe etwa 30 km nord-westlich von London.  In High Wycombe arbeitete ich und wohnte auch zu Anfang da. Es war eine 5er WG, in einem arg heruntergekommen Haus, das wunderschön sein könnte wenn der Landlord nur mal etwas daran machen würde. Nachdem dann im dritten Monat ein Teil meiner Zimmerdecke herunterkam - aufgrund eines Wasserunfalls im Bad oben drüber - beschloss ich schnellstens etwas Neues zu finden. Nachdem ich in eine nette 4er WG im Nachbarort Marlow gezogen war, stellte sich sehr schnell heraus, dass ich dem Klempner dankbar sein konnte, der meine Zimmerdecke ruiniert hatte. High Wycombe war eher etwas "rough", hatte nicht besonders viel Lebensqualität und die WG dort war auch eher eine Zweck WG. In Marlow war alles genau das Gegenteil.

Ich wohnte diesmal in einer 4er-WG, mit Leuten die ich vom ersten Moment an als Freunde bezeichnen konnte. Zuerst waren es zwei Inselaffen (nur Spaß - hätte ich für jeden anti-deutschen Witz ein Pence bekommen, hätte ich jetzt ein Penthouse in Westminster) und ein weiblicher "cheese eating surrender monkey" (Käse essender Kapitulationsaffe) - ein Charmanter Spitzname der Engländer für Franzosen. Ist aber auch okay, denn schließlich können die Tommies auch sehr gut über sich selbst lachen und sie lieben nunmal Witze mit Anspielungen auf den Krieg. Ein wenig freundschaftlich derber Spott gehört immer zum guten Ton, ganz im Sinne des englischen Humors. 

Schnell war ich Stammgast in einem der vielen urigen Local Pubs; kannte alle Locals und lebte mich in den folgenden 10 Monaten perfekt in England ein. Ich wurde auch immer englischer. Ich begann eine Vorliebe für traditionelle Real Ales und Bitters zu entwickeln und dabei meinem Guinness sehr untreu zu werden. Es passt halt auch einfach mehr rein von diesen Ales und Bitters. Die sind viel leichter (aber nicht schwächer) und "milder" als Guinness. Ich fing auch an, am Wochenende öfters mal nach dem ausschlafen ein dickes Fry-Up (Spiegelei und gebratener Speck auf Toast) als Frühstück zu kochen. Ich gewöhnte mich so sehr ans englische Autofahren dass ich mich stark konzentrieren musste wenn ich einmal wieder in Deutschland hinterm Steuer saß. Ich fing auch an, mich in Deutschland häufiger zu entschuldigen und zu bedanken als ich es früher getan hab. Kein Scherz. Ach ja, Teetrinker wurde ich auch. Ich mochte Tee nicht, so wie Bitters, aber wenn man so oft von den Mitbewohnern gefragt wird ob man "a nice cup of tea" möchte, fängt man irgendwann an ja zu sagen - und irgendwann auch, es zu mögen. Gruppenzwang im positiven Sinn.

Es kamen durch gelegentliche Mitbewohnerwechsel immer wieder Neue Freunde dazu, denn mit den Anderen die auszogen hielt der Kontakt. Auch jetzt noch. Alles in allem lebte ich mich so gut ein, dass es eine sehr schwere Entscheidung war, im Januar diesen Jahres wieder den Rückzug anzutreten. Aber es war diesmal nicht nur ein neues Jobangebot das mich zurück nach Hamburg lockte, sondern auch meine bessere Hälfte. Dauerfernbeziehung ist nicht toll. Zudem kann man das Leben dort erst wirklich genießen wenn man einigermaßen gut verdient. Jedenfalls habe ich fest vor, in einigen Jahren wieder nach England zurück zu gehen.

Vielleicht mal direkt in London wohnen - aber mal sehen ob es mir das Geld wirklich wert ist. Jedenfalls möchte ich wirklich einmal für längere Zeit in England leben, nicht nur immer übergangsmäßig. So lange werde ich das Fernweh mit Wochenendtrips eindämmen, dabei viel mehr Fotos für diese Website machen und solange ich in Deutschland bin, meine Flaschensammlung angucken, die ich mir als Andenken mitgenommen habe. (Soviel zu ökonomischem umziehen.) Und natürlich die Freundschaften pflegen. Für später, wenn ich dann irgendwann wieder auswandere.

Anfang