Umgangsformen und Bräuche
You alright?
"Hello there, how are you?" oder "Hi, are you alright?" (Im O-Ton eher "Hi, y'awrigh?") ist einerseits die ultimative Standard
Begrüßung in Großbritannien und andererseits einer der verwirrendsten hiesigen Bräuche.
Egal ob man vom Kassierer im Supermarkt begrüßt wird, vom Arbeitskollegen in der Büroküche, vom Postboten oder vom
Mitbewohner. Egal ob man eine Person zum ersten Mal im Leben sieht oder zum zehnten Mal an diesem Tag. Ebenso wenig spielt der Rahmen der
Begrüßung eine Rolle: egal ob man sich zu einem Meeting zusammenfindet, sich im Vorbeigehen begrüßt - vor "...you
alright?" ist man nie sicher.
Da die Floskel scheinbar wahllos verwendet wird, stellt sich die Frage, wie sie zu verstehen ist und wie man
darauf reagiert. Genau das macht diesen Brauch so verwirrend. Fragt man die Engländer selbst, blickt man in ratlose Gesichter und stellt
fest dass es eine Art Reflex-Ausspruch sein muss, der keiner bestimmten Logik folgt. Um dieses Phänomen vollkommen zu erklären
müsste man vermutlich einen großangelegten anthropologischen Feldversuch starten. Grundsätzlich aber ist man mit
Folgendem auf der sicheren Seite:
- Kurze Antwort, wie "Fine, thanks. Yourself?", "Not too bad, thanks. You?" oder "I'm good, thanks. How are you?"
- Je schneller und beiläufiger die Frage ausgesprochen wird, desto weniger wird eine ausführliche Reaktion erwartet.
- Niemand möchte wissen ob man tatsächlich blendend drauf ist, oder ob man gerade Kopfweh hat, oder gefeuert wurde. Hat man
absolut keinen Anlass mit "fine" zu antworten kann man sich auf "I'm okay" beschränken.
- Sich anpassen und die Frage in die eigene Begrüßung einbauen. Man kann sich vieles leisten in der britischen Kultur ohne schief
angeschaut zu werden, nur Unhöflichkeit nicht.
Cheers
'Cheers' ist keineswegs nur das äquivalent zum deutschen "prost" sondern auch eine wichtige Floskel in der alltäglichen
Umgangssprache. Neben "prost" ist es hauptsächlich eine Variante von "thanks". Man kann jedoch nicht sagen "cheers very much" oder
"many cheers". Will man ausdrücklich besonders danken muss man sich an "thank you very much" oder ähnliches halten.
Übrigens passt cheers auch nicht auf die "you alright?" Frage.
Cheers ist ein "Danke" für einen Gefallen, eine Auskunft, für das Wechselgeld, für einen Rat, ein nettes Angebot, einen
ausgegebenen Drink, fürs vorbeilassen, fürs Feuer geben undsoweiterundsoweiter. Diese Beschreibung
erfasst nicht wirklich die
gesamte Bedeutung von 'cheers', doch zumindest insoweit wie man es tatsächlich erklären kann.
Thank you/sorry
Diese beiden sind wohl die wichtigsten Komponenten im täglichen Zusammenleben. Hier gibt es nur die eine Regel: wo immer ein "sorry" oder
ein "thank you" halbwegs angebracht ist, sagt man es auch. Im Zweifelsfall mehrmals hintereinander. Kauft man eine Schachtel Zigaretten, sagt
man "Thank you" wenn sie auf den Ladentisch gelegt wird, "thank you" wenn man sein Rückgeld bekommt und nochmal "thank you" (oder "cheers"!) in Verbindung
mit "bye". (siehe auch "cheers")
"Sorry" sagt man entgegen Gerüchten nicht, wenn einem jemand auf den Fuß tritt oder einen
anrempelt, solange die Situation ganz offensichtlich ist. Andererseits ist es ein so fest verwurzelter Reflex 'sorry' zu sagen,
dass sich
manchmal auch tatsächlich der Falsche entschuldigt. Es gibt das Prinzip wie beim 'thank you' lieber einmal zu oft als zu wenig. Entschuldigt
sich jemand für etwas, antwortet man "that's alright/okay".
Mate
'Mate' ist ein Ausdruck für 'Freund' oder 'Kumpel' oder 'Kollege' (im Sinne von Arbeitskollege heiß es dann "workmate"). Allerdings
nicht ausschließlich im Sinne von tatsächlichen Kumpels, sondern auch in
dem Sinne wie man einen Fremden mit Kumpel anreden kann. Während das in Deutschland höchsten aus
Zynismus gemacht wird, ist dieser Brauch in
England allgegenwärtig. Dem Vorgesetzten gegenüber ist 'mate' zwar nicht angebracht, ansonsten aber recht universell verwendbar. Man
kann sich bei einem Polizist der einem den Weg erklärt hat, durchaus bedanken mit "Cheers, Mate" und ebenso beim Kassierer, beim Barkeeper
oder sich entschuldigen mit 'sorry, mate'. Wichtig: nur solange es sich auf eine männliche Person bezieht. Eine Frau redet man nie mit
'mate' an. Eine Ausnahme ist es, wenn man buchstäblich von Freundschaft spricht, dann kann man auch über eine weibliche Person
zum Beispiel sagen "she's one of my best mates".
Sich über etwas beschweren
Das ist nicht einfach in Großbritannien und erfordert Fingerspitzengefühl. Kommt man einmal nicht mehr drumherum sich über
etwas zu beschweren dann sollte man das auf jeden Fall mit einer Entschuldigung einleiten und dann eher die Vermutung anstellen
dass etwas nicht stimmt, als gleich mit ausformulierter Anschuldigung heraus zu platzen. Zum Beispiel "Excuse me Sir, I'm sorry, but I'm afraid this
is not the wine we've ordered."
Es kostet manchmal ganz schön Überwindung, aber direkt und bestimmend wird man hier erst wenn der
freundliche Weg wirklich zu nichts führt. Unhöflich im Sinne von wirklich ärgerlich ist allerdings noch mehrere Schritte entfernt. Um
tatsächlich barsch mit jemandem umzuspringen muss schon viel passieren. Allein schon zum eigenen Nutzen sollte man seinem Ärger erst freien
Lauf lassen wenn der Kampf verloren ist, denn man erreicht absolut gar nichts mit roher Unhöflichkeit. Also auch wenn man jemandem sagt
dass er
großen Mist gebaut hat und man unverzüglich den Manager sprechen will, so kann man dies
immer noch in höflichem Ton und mit angedeutetem Lächeln
tun.
Schlange stehen
Entgegen allen Legenden ist Anstehen keine große Leidenschaft der Briten. Man ist lediglich zuvorkommender und geduldiger. Man
besteht im Zweifelsfall nicht darauf weiter vorne gewesen zu sein oder zuerst bedient zu werden. Sich gegenseitig den Vortritt zu lassen
gehört zur britischen Höflichkeit. Und niemals, niemals aus der Schlange nach vorne rufen "Hallo,
geht's hier auch mal weiter!".
Dann könnte man nämlich auch gleich noch die Queen beleidigen wenn man schon mal
dabei ist...
Im Pub
Im Kapitel Gastronomie & Nachtleben steht mehr Ausführliches über Pubs, hier
schon mal drei
wichtige Regeln:
- Wer sich setzt und auf die Bedienung wartet, verdurstet. Es herrscht self-service, d.h. man bestellt alles an der Bar. Getränke
trägt man selbst zum Tisch, Essen wird dann gebracht (Tischnummer merken!). Ist man in einer Gruppe unterwegs stehen nicht alle an Bar
und warten, sondern
einer bestellt und es bleibt evtl. einer zum tragen helfen oder man lässt sich ein kleines Tablett geben.
- an der Bar nicht drängeln oder gar durch winken/rufen versuchen auf sich aufmerksam zu machen. Einfach durch Blickkontakt
signalisieren dass man etwas möchte.
- Mindestens so typisch wie das britische Pub selbst, ist der Brauch des "round-buying". Das bedeutet,
dass reihum Runden bestellt und
bezahlt werden. Ist man zu mehreren, möchte aber nur auf ein/zwei Bier bleiben, zahlt meistens jeder sein Getränk selbst. Auch wenn
man in großen Gruppen ins Pub geht, zahlt nicht immer einer für die gesamte Gruppe. Entweder jeder für sich, viel üblicher
aber ist dass sich automatisch kleinere "Splittergruppen" als Runden bilden. Grundsätzlich aber ist es üblich in die Runde zu fragen
ob jemand etwas möchte, wenn man aufsteht um sich ein weiteres Getränk zu holen.
Noch ein kleiner Tipp am Rande: möchte man zwei Getränke bestellen und zeigt wegen der Lautstärke die Zahl mit den Fingern an,
niemals Zeige- und Mittelfingern zusammen benutzen: Zeige- und Mittelfinger als "V", Handrücken nach vorne, bedeutet
nämlich "fuck off!".
Bei Fragen zu diesem Thema einfach an advice@livinginbritain.de schreiben oder im Forum
posten. Wer eigene Erfahrungen und Tipps hinzufügen möchte kann an experienced@livinginbritain.de
schreiben. Die Inhalte werden dann überprüft und evtl. übernommen.
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